Aufgrund einer unzureichenden Spenderkapazität suchen viele Patienten, die eine Haartransplantation in Betracht ziehen, zwangsläufig nach Antworten auf die Frage, ob eine Transplantation mit Spenderhaaren von einer anderen Person möglich ist. Dank der Weiterentwicklung der FUE-Methode ist es mittlerweile möglich, nicht nur Kopfhaare, sondern auch Barthaare sowie andere Körperhaare als Spenderquellen zu nutzen. Bei Patienten mit großflächigem Haarausfall (z. B. Norwood 6 oder 7) ist der Graft-Bedarf jedoch sehr hoch – und selbst andere Körperhaare reichen oft nicht aus, um die kahlen Areale vollständig abzudecken. In solchen Fällen rückt die Idee einer Haartransplantation von einem Fremdspender in den Vordergrund. Doch ist das tatsächlich möglich? Diese Frage wollen wir im Folgenden ausführlich beantworten.
Kann man sich Haare von einer anderen Person transplantieren lassen?
Die Organtransplantation hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Eingriffe wie Leber- oder Nierentransplantationen sind heute nahezu Routine. Auch Gesichtstransplantationen sowie Transplantationen von Armen und Beinen wurden in den vergangenen Jahren bereits erfolgreich durchgeführt. Wenn selbst so komplexe Eingriffe möglich sind – warum sollte dann nicht auch eine Haartransplantation mit Spenderhaaren von einer anderen Person möglich sein? Leider ist es nicht ganz so einfach, wie es auf den ersten Blick erscheint.
Zunächst einmal: Juristisch gesehen handelt es sich bei einer Organspende um eine echte Spende – das heißt, niemand würde seine Haare einfach so an eine fremde Person verschenken, sondern im Zweifelsfall verkaufen. Sie werden nun vielleicht sagen: „Na und? Der Käufer ist einverstanden, der Verkäufer auch – wo ist das Problem?“ Gut, nehmen wir einmal an, das sei nicht das entscheidende Problem. Aber hier kommt der eigentliche Knackpunkt.
Vergleich zwischen Organtransplantation und Haartransplantation mit Spenderhaaren
Bei Eingriffen wie Nieren- oder Lebertransplantationen handelt es sich in der Regel um lebensbedrohliche Erkrankungen. Ein Patient mit Nierenversagen ist beispielsweise auf Dialyse angewiesen und auf der Warteliste für eine Transplantation registriert. Sobald die erforderlichen Kriterien erfüllt sind und ein geeigneter Spender gefunden wird, wird der Patient umgehend kontaktiert und die Transplantation eingeleitet.
- Blutgruppenkompatibilität
- Gewebekompatibilität
- HLA-Antigen-Übereinstimmung
Wie oben bereits erwähnt, müssen zahlreiche Kriterien übereinstimmen. Bei Zehntausenden von Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle diese Kriterien exakt erfüllt sind, äußerst gering. Besonders wichtig ist dabei die HLA-Kompatibilität. Bei Patienten mit einer geringen HLA-Übereinstimmung treten nach der Transplantation häufig Abstoßungsreaktionen auf – das transplantierte Organ kann vom Körper abgestoßen werden. Um eine Organabstoßung zu verhindern, sind die Betroffenen zeitlebens auf immunsuppressive Medikamente angewiesen – hierzu zählen unter anderem Chemotherapeutika und ähnliche Wirkstoffe. Wie bereits erwähnt, handelt es sich hierbei um eine lebensbedrohliche Situation. Diese Medikamente haben zahlreiche Nebenwirkungen. Sie unterdrücken das Immunsystem, sodass der Patient nahezu schutzlos gegen Infektionen ist.
Erinnern Sie sich an den Fall einer Arm- und Beintransplantation, der vor einiger Zeit in unserem Land durchgeführt wurde? Leider verstarb der Patient nur wenige Monate nach dem Eingriff. Er starb jedoch nicht an den Folgen der Transplantation selbst, sondern an einer banalen Infektion – denn durch die Immunsuppression war sein Immunsystem so stark geschwächt, dass er kaum noch Abwehrzellen hatte, um gegen Krankheitserreger vorzugehen.
Ist eine Fremdspender-Haartransplantation zu empfehlen?
Bei einer Haartransplantation handelt es sich hingegen nicht um einen lebensbedrohlichen Zustand. Die meisten Menschen möchten sich aus ästhetischen Gründen die Haare transplantieren lassen, um sich wohler zu fühlen. Aus diesem Grund ist eine Haartransplantation mit Spenderhaaren von einer anderen Person klassischerweise nicht möglich – es wäre medizinisch unverantwortlich, einen Menschen ohne Lebensgefahr einem potenziell lebensbedrohlichen Risiko auszusetzen. Aus diesem Grund wurde ein solcher Eingriff bisher auch nicht durchgeführt. Hinzu kommt, dass immunsuppressive Medikamente als Nebenwirkung unter anderem Haarausfall verursachen können.
Haartransplantation zwischen eineiigen Zwillingen
Die einzig sinnvolle Ausnahme für eine Haartransplantation von einer anderen Person wäre die Verwendung von Spenderhaaren eines eineiigen Zwillings. Da die genetischen Merkmale bei eineiigen Zwillingen nahezu identisch sind, wäre eine Abstoßungsreaktion so gut wie ausgeschlossen. Allerdings ist dieser Fall äußerst selten und in der Praxis daher von sehr geringer Relevanz.

In einer im Jahr 2013 durchgeführten Studie transplantierte Dr. Hakan Doğanay einem eineiigen Zwillingsbruder die Hälfte der Spenderhaarwurzeln des anderen Zwillingsbruders.
Forschungsansätze zur Haartransplantation mit Spenderhaaren von fremden Personen
Es wäre jedoch nicht richtig, in Bezug auf eine Haartransplantation mit Spenderhaaren von einer anderen Person völlig pessimistisch zu sein. Zwar führten frühere Studien zu keinem durchschlagenden Erfolg, doch gibt es heute vielversprechende akademische Ansätze auf diesem Gebiet.
- Zu Beginn der 2000er Jahre wurde eine Studie durchgeführt, bei der mittels der FUE-Methode 500 Grafts von Person A an Person B und weitere 500 Grafts von Person B an Person A transplantiert wurden. Nach sechs Monaten waren bei Person A lediglich 20 Grafts angewachsen, während bei Person B kein einziges Graft haften geblieben war. Ein Jahr später fielen auch diese 20 Grafts bei Person A aus. Diese frühe FUE-Studie endete somit mit einem Misserfolg.
- Forschungen zur Haartransplantation von der Mutter auf den Sohn werden weiterhin durchgeführt, jedoch konnte bislang noch kein endgültiger Erfolg erzielt werden.
- Am Universitätsklinikum Seoul gelang Dr. Kwon Oh-sang jedoch eine vielversprechende Studie, die erste Erfolge zeigte. Dieser Studie zufolge könnte eine Haartransplantation von einer anderen Person möglich sein, ohne das Immunsystem des Empfängers unterdrücken zu müssen. Der Ansatz besteht darin, diejenigen Zellen in den Spenderhaaren zu isolieren, die eine Abstoßungsreaktion auslösen. Die Studie wurde an Mäusen durchgeführt und führte dort zu einem über sechs Monate anhaltenden Haarwachstum.
